Jahreshauptversammlung 2010

GfH behandelt historische soziale und wirtschaftliche Themen
Sterbefälle und Todesursachen im Westerwald im 19. Jahrhundert" und
Der Braunkohlenbergbau im Hohen Westerwald

Zu ihrer diesjährigen Jahresversammlung hatte die Gesellschaft für Heimatkunde im Westerwald-Verein (GfH) ins Soldatenheim nach Rennerod eingeladen. GfH-Sprecher Jürgen Reusch konnte als Ehrengäste die Bürgermeister der Verbandsgemeinde Rennerod, Werner Daum, und den Stadtbürgermeister, Hans-Jürgen Heene, begrüßen. Darüber hinaus gab er seiner Freude Ausdruck, dass das GfH-Urgestein Karl Kessler trotz angeschlagener Gesundheit an der Versammlung teilnahm. Vom Hauptvereinsvorstand waren die Herren Dr. Ehrenwerth und Dr.Geißler erschienen. Ein besonderes Willkommen galt den Dorfchronisten der Verbandsgemeinden Rennerod und Bad Marienberg.
Im seinem Grußwort ging Bürgermeister Werner Daum auf die Bedeutung heimatkundliche Aktivitäten für die Stärkung und Erhaltung des dem Menschen eigenen Heimatgefühls ein. Dieses stelle ihn in eine sichere und lebenswerte Umgebung. Danach erläuterte Daum die Einrichtung der Dorfchronisten, deren Aufgabe im Fortschreiben von „Lebensläufen“ ihrer Heimatgemeinden besteht.
Es folgten die im Mittelpunkt der Veranstaltung stehenden Vorträge.

Als erster gab GfH-Mitglied Dr. Helmut Priewer aus Anhausen einen historisch-demographischen Abriss über „Sterbefälle und Todesursachen im Westerwald im 19.Jahrhundert“.
Die vergleichende Untersuchung bezog sich hauptsächlich auf die Nachbarkirchspiele Heimbach und Anhausen (heute Landkreis Neuwied) in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts. Beide Kirchspiele unterschieden sich im Untersuchungszeitraum in der Konfessionszugehörigkeit und Sozialstruktur ihrer Bevölkerung sowie ihren klimatischen Bedingungen.
Die Säuglingssterblichkeit lag im dritten Quartal des 19.Jahrhunderts im katholischen Kirchspiel Heimbach bei 21%, im evangelischen Kirchspiel Anhausen bei18 %.
Evangelische Kirchspiele hatten zumeist eine niedrigere Säuglingssterblichkeit als katholische. In der protestantischen Bevölkerung wurden Säuglinge anscheinend häufiger und länger gestillt. Da Stillen empfängnisverhütend wirkt, konnten durch lange Stillzeiten die Geburtenabstände verlängert und damit die Anzahl der Kinder und auch die Säuglingssterblichkeit verringert werden.
Der größte Teil der Todesfälle war Folge der Tuberkulose, unter der auch
die übrigen Lungenerkrankungen zusammengefasst wurden. Das Kirchspiel Anhausen verfügte über einen höheren Viehbestand, besonders an Rindern, die früher häufig von Tuberkulose befallen waren und mit ihrer Milch eine ständige Infektionsquelle für die Menschen darstellten. Der Prozentsatz der an TBC Verstorbenen betrug im Kirchspiel Anhausen 37 %, im Kirchspiel Heimbach, das allerdings klimatisch begünstigt war, lag er bei 28 %.
Hinsichtlich der saisonalen Sterblichkeit trat das Maximum im klimatisch eher benachteiligten Kirchspiel Anhausen (300 m NN, kalt, niederschlagsreich) schon in der ersten Hälfte (November – Januar) und im klimatisch begünstigten Kirchspiel Heimbach (100 m NN, warm, niederschlagsarm) erst in der zweiten Hälfte des Winterhalbjahres (Februar-April) auf. Diese Feststellung galt insbesondere auch für an Alterschwäche Verstorbenen mit nur noch geringen Lebenskräften. Priewer ergänzte seine Feststellungen mit weiteren Angaben zu Selbsttötungen und brachte Beispiele aus anderen Kirchspielen wie z.B. Kroppach

GfH-Arbeitskreisleiter Karl-Heinz Krahm aus Ötzingen- Sainerholz gab einen Ein- und Überblick in den Braunkohlenbergbau im hohen Westerwald. Einleitend stellte er die Braunkohlevorkommen in der durch Basalt geprägten Landschaft des Westerwaldes vor, die vor 26 Millionen Jahren (Breitscheid) und 17 bzw. 9 Millionen Jahren (Westerburg, Bad Marienberg) entstanden.
Die Geschichte des Braunkohlenbergbaus im Hohen Westerwald begann vor mindestens 435 Jahren, als in einem Schacht im Breitscheider Wald „unterirdisches Holz“ entdeckt wurde.
Eine größere Ausbeute ergab sich noch nicht. Auf Initiative der nassauischen Landesherren wurden bis zur Mitte des 17.Jahrhunderts verschiedene Versuche unternommen, Steinkohle zu finden, doch handelte es sich dabei um Braunkohle. Deren wirtschaftliche Nutzung scheiterte durchweg an bergbaulichen Problemen oder an der mangelnden Eignung der Braunkohle zur Erzverhüttung. Mit der gegen Ende des 18 Jahrhunderts sich vergrößernden Holzknappheit (Verkohlung zur Erzverhüttung/ Bauholz) wurden andere feuerungsintensive Bereiche wie Branntweinbrennereien, Bäckereien, Essig- und Nickelfabriken angewiesen, Braunkohle zu nutzen.
Dies hatte die erneute Ausbeutung alter und die Einrichtung neuer Braunkohlengruben zur Folge, so z.B. 1780 die Grube Nassau´(Höhn), ab 1802 die Grube Neue Hoffnung in (Bad)Marienberg oder 1804 die Grube Marianne bei Langenaubach. Die Gruben wurden in dieser Zeit durch in „Gewerkschaften“ zusammengeschlossene Bergbauinteressenten mit weniger Erfolg betrieben, obwohl die Landesherrschaft durch personelle, den Absatz stabilisierende und finanziell entlastende Maßnahmen unterstützte. Letztendlich blieb ein wirtschaftlicher Erfolg ganz aus, so dass das nassauische Staatsministerium die Gruben still legte und wie die bereits geförderte Holzkohle versteigerte.
Nach1820 bewirkte dieser „Fall ins Bergfreie“ eine Belebung des Braunkohlenbergbaus, in deren Verlauf alte Gruben wieder genutzt und neue geschaffen wurden. Scheiterten wiederum alle Versuche zur Erzverhüttung mit Braunkohle, so gewann sie doch an Bedeutung im Haushalts- und Kleingewerbebereich. Um die Jahrhundertmitte stieg die Zahl der Gruben auf 22 Bergwerke an, in denen jährlich rund 50.000 Tonnen Braunkohle abgebaut wurden. Die Gruben im Heimatgebiet lagen im Bad Marienberger Revier: Wilhelmszeche, Oranien, Victoria, Alexandria, Nassau, Segen Gottes und Waffenfeld. Sie spielten die bedeutendste wirtschaftliche Rolle im hohen Westerwald.
In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich die Grube Alexandria zum Hauptbetrieb des Westerwaldes für Braunkohle, da ein Großteil der übrigen Gruben durch Förderstrecken an ihren Hauptschacht angeschlossen wurden. Zwischen 1900 und 1961 wurden von durchschnittlich 318 Beschäftigten rund 3,5 Millionen Tonnen Braunkohle gefördert.
Der Bau der Westerwaldquerbahn im Jahre 1906 brachte nicht den erwarteten Aufschwung. Dieser trat erst ein, als nach dem ersten Weltkrieg Reparationslieferungen und die nachfolgende Rheinlandbesetzung zu einer Steinkohlenknappheit führte. Dadurch verzehnfachte sich kurzfristig die Förderleistung, die Belegschaft stieg für kurze Zeit auf das Fünffache an. Doch endete diese Entwicklung bereits ab 1924, als die Steinkohle generell und die rheinische Braunkohle eine zu hohe Konkurrenz entwickelten. Die Zahl der Gruben im Westerwald ging kontinuierlich zurück. Im Jahre 1940 waren noch 4 Gruben im Westerwald im Betrieb, zwischen 1954 und 1961 förderte nur noch die Grube Alexandria. Dann stellte auch sie ihren Betrieb ein. Eine neben Basalt und Ton nicht unbedeutende Westerwälder Bergindustrie fand ihr Ende, nachdem auch Versuche, aus Braunkohle Gas zu gewinnen, und der Betrieb eines Braunkohlenkraftwerks nahe der Grube Alexandria keinen Erfolg auf Dauer zeitigten.
Der Vortragende versäumte es nicht, die sozialen Aspekte des Themas, wie Arbeitsbedingungen und Einkommen, zu beleuchten. Zum einen zeigt die teilweise sprunghafte Aufnahme und Einstellung des Betriebes von Gruben, dass ein sicherer Arbeitsplatz oft nicht von Dauer war. Für die Einkommen stehen als Beispiele aus dem 20. Jahrhundert die Löhne pro Schicht:

1901
1918

 2,38 Mark
 5,61 Mark

1924
1931

 3,87 Mark
 5,21 Mark

Der Vortrag wurde abgerundet mit der Vorführung eindrucksvoller Bilder aus dem historischen Braunkohlenbergbau im Westerwald und einigen Bergmannsliedern.

Jürgen Reusch
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Gesellschaft für Heimatkunde im Westerwald - Verein
letzte Bearbeitung: 19.04.10