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Eine historische Straße, die Rätsel aufgibt:
Die „Vallendarer Straße“ im Westerwald


von Wilfried Göbler
[erschienen auch in der WÄLLER HEIMAT 2011]

In einigen historischen Flur-Karten und Flurnamenverzeichnissen taucht immer wieder der Begriff der „Vallendarer Straße“ auf, ohne dass darüber in der einschlägigen Heimatkundeliteratur berichtet wird. Auch in der Mundart des mittleren Westerwaldes ist der Begriff der „Vallerer Stroß“ allgegenwärtig.
Also gab und gibt es sie; was meine Neugierde weckte.

Im Ergebnis stießen meine Nachforschungen auf einen historischen, vermutlich vorrömischen Weg, der in seiner längsten Ausdehnung von Marburg quer durch den Westerwald bis zum „Westerwälder Rhein-Hafen“ in Vallendar führte.
Bereits an seinem Ausgangsort Marburg taucht er in alten Flurkarten als Vicinalweg auf, was einen Rückschluss auf seine Funktion als Zubringer- oder Verbindungsweg zulässt. Immerhin verband die Vallendarer Straße eine Haupt-Wasserstraße (Rhein) mit dem Hinterland.
Nach der Oeconomischen Encyclopädie von Johann Georg Krünitz (1773-1858) handelte es sich allgemein bei Vicinalwegen (Vicinales viae) um Dorfwege und Wege, die von den Äckern auf die Straßen führten. In römischer Zeit verstand man darunter kleinere Seiten- und Nebengassen in römischen Lagern, welche aus den Hauptstraßen in größere Nebenstraßen führten.
Es ist mir nicht gelungen, den Weg in seiner ganzen Länge durch den Westerwald zu kartieren. Heimatforscher Paul Groß in Wölferlingen erforschte den Wegeverlauf in der Wölferlinger Gemarkung nördlich des Wölferlinger Weihers, zwischen Wölferlinger Kopf und der Gemarkung Wildsburg verlaufend. Es ist auch die Stelle, an der die frühere Hermannsburg zu vermuten ist, die zum Schutze des Köln-Frankfurter Handelsweges errichtet worden war, aber die Jahrhunderte nicht überdauert hat. Der frühere Verlauf der Köln-Frankfurter-Straße war östlich der heutigen Bundesstraße 8 (auch Hohe Straße genannt) und hat bei Wölferlingen die Vallendarer Straße gekreuzt.

Nach Paul Groß führte letztere nördlich um Wölferlingen und Freilingen herum, kreuzte südlich von Postweiher und Hausweiher die heutige B8 und mündete in die Hartenfelser Gemarkung ein. In Hartenfels hat sich der Heimatforscher und Dorf-Chronist Josef Marx mit ihr beschäftigt. Er beschreibt die Vallendarer Straße als Höhenstraße durch die Flur Windlück auf der Anhöhe südlich von Kautenmühle, Mehlinger Mühle, Untermühle und Oligsmühle (letztere steht nicht mehr) am Holzbach kommend und bis zu den Zehntgarben verlaufend.

An dem Naturdenkmal „Zehntgarben“, einer sagenumwobenen Felsgruppe aus tertiären sechskantigen Basaltsäulen, kam es der Sage nach an der Vallendarer Straße zu einem Konflikt zwischen einem Ritter der Burg Hartenfels und einem Bauer, der seinem Schutzherren, dem Erzbischof von Trier, den Zehnten verweigerte und samt seinem beladenen Erntewagen und seinen Zugtieren zu Stein erstarrte (Bild 1). Im weiteren Verlauf nimmt die Vallendarer Straße den Rückeroth-Herschbacher Grenzweg in der Gemarkung Wellersseifen ein und verläuft durch das Rückerother Gebück.

Vallendarer StraßeDer markierte Verlauf der Vallendarer Straße in den Gemarkungen Hartenfels, Rückeroth, Herschbach und Marienrachdorf in einem Ausschnitt des Kartenwerks von Tranchot und v. Müffling (1820).
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Die unweit von dieser Stelle in Rückeroth befindliche Dorfstraße „Im Gebück“ erinnert noch heute an diese einstige Grenzbefestigung und (primitive) Verteidigungslinie für Mensch und Haustier, für Hab und Gut der damaligen Dorfbewohner. Das Gebück lässt aber auch einen Rückschluss auf eine gewisse strategische Bedeutung der Vallendarer Straße zu.

Mehrere Grenzsteine aus der Mitte des 18. Jahrhunderts markieren auf mehreren hundert Metern die Vallendarer Straße zusätzlich als ehemalige „Ländergrenze“ zwischen dem wiedischen Rückeroth und dem kurtrierischen und isenburgischen Herschbach

Wir folgen der Vallendarer Straße in nördlicher Richtung, bis sie am „Rückerother Bäumchen“ nach links in die Gemarkung „Hoher Rain“ abbiegt. Während die Herschbacher diese Stelle liebevoll „Rückerother Bäumchen“ nennen, sagen die Rückerother zu ihr „Herschbacher Bäumchen“. Nach einer alten Chronik ist der Platz auch „Mons tilia“, also Lindenberg genannt. Zuletzt markierte die leichte Anhöhe nur noch ein wilder Kirschbaum, der mit seinen zerzausten Ästen „Trutz dem berüchtigten Hartenfelser Wind“ bot. Heimatforscher Winfried Himmerich aus Herschbach benutzte dieses Vokabular in seiner Beschreibung der Sage vom Blinseweibchen, das im nahegelegenen Blinsegärtchen sein Blinseweibchen-Revier hatte.


Bilder v.l.n.r.: 1) Ein Grenzstein an der Vallendarer Straße zwischen Rückeroth und Herschbach. Inschrift des Grenzsteines auf der Herschbacher Seite: HB = Herschbach, 1750, Herschbacher Laurentius-Wappen, N 46 = Grenzsteinnummerierung; 2) Inschrift des Grenzsteines auf der Rückerother Seite: NW = Neuwied-Wied, 1750. 3) Der keltische Mahlstein aus der Latènezeit (in Privatbesitz in Rückeroth)

Es sind nur wenige Meter gen Westen und wir erreichen den „Hohen Rain“, eine abschüssige Flur nahe der heutigen Rückeroth-Herschbacher Kreisstraße. In dieser Ackerflur fand vor Jahren an der Vallendarer Straße ein Rückerother Bauer beim Pflügen einen keltischen Mahlstein aus der Latènezeit (5. bis 1. Jahrhundert v. Chr. – vorrömische jüngere Eisenzeit), dessen Herkunft unbekannt ist. Eine Beschädigung am Stein lässt erkennen, dass er zum Mahlen von Getreide nicht mehr zu gebrauchen war, obwohl er ansonsten einen unverbrauchten Eindruck macht. Alles spricht dafür, dass er einst als Transportgut auf der Vallendarer Straße einem Achsenbruch des Transportfahrzeuges auf der abschüssigen Stelle des Hohen Rains zum Opfer fiel und liegen gelassen wurde

Bis hierher hat sich die Vallendarer Straße lediglich als normaler, teils befestigter und teils unbefestigter Feld- und Waldweg dargestellt, was sich aber in Richtung Marienrachdorf zwischen Galgenhöhe und Hof Keiling ändert. Die Vallendarer Straße nimmt hier auf Marienrachdorfer Seite, hart an der Grenze zur Rückerother Flur „Ober dem Irrlicht“ die doppelte Feldwegebreite ein. Später verliert sich diese Wegetrassierung wieder im Marienrachdorfer Wald. Am Marienrachdorfer Bahnhof vorbei nimmt die Vallendarer Straße Kurs nach Südwesten, am Kutscheider Hof sowie an Deesen und Wittgert vorbei, wo sich für den Verfasser die Spur verliert.

Erst in der Limes-Literatur lässt sich die Spur der Vallendarer Straße wieder aufnehmen: A. von Cohausen beschreibt in „Der Römische Grenzwall in Deutschland (1884)“, dass die „Alte Vallendarer Straße“ jedenfalls bei Höhr den Grenzwall (Limes) kreuzte, und zwar „im Thälchen Krautseifen“. Und wie der 1981 in Vallendar erschienenen Jubiläumsschrift „125 Jahre Stadt Vallendar“ zu entnehmen ist, fanden sich an der Gemarkungsgrenze von Vallendar und Höhr im Distrikt Krautseifen Spuren auch aus der Latène-Zeit. Ein Indiz dafür, dass durch dieses Tälchen wahrscheinlich die Vallendarer Straße dem Vallendarer Hafen zustrebte.

In Vallendar selbst hat sich Heimatforscher Adolf T. Schneider mit der vom Westerwald kommenden Vallendarer Straße befasst. Auch für ihn ist die Existenz als vorrömische Hauptverbindungsachse Westerwald – Rhein unstrittig, die im Vallendarer Hafen endete. Noch bis in das 19. Jahrhundert war Vallendar der Rheinhafen für alle Westerwälder, nicht etwa Ehrenbreitstein und schon gar nicht Koblenz. Von Vallendar aus wanderten Westerwälder per Schiff rheinabwärts in ihre neue Heimat aus. Und von Vallendar aus verschifften die Kannenbäcker und Händler ihre Ware in alle Welt.

Das Naturdenkmal „Zehntgarben“ an der Vallendarer Straße zwischen Hartenfels und Rückeroth.
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Fotos Wilfried Göbler
 

Gesellschaft für Heimatkunde im Westerwald - Verein
letzte Bearbeitung: 26.08.12